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Interview mit dem Suchtspezialisten Professor Felix Tretter, München
 

Herr Professor Tretter, wieso kann man süchtig nach Alkohol werden?

Prof. Tretter in seinem Sprechzimmer.
Foto: Kliniken des Bezirks Oberbayern

Professor Tretter: Eine Alkoholkrankheit entwickelt sich schleichend, das ist ja das Gefährliche. Zuerst wirkt der Alkohol nur angenehm entspannend auf das Gehirn, wie eine Stresshilfe. Trinkt man dann ungebremst weiter, mit einer gewissen Intensität und Regelmäßigkeit, ist die nächste Stufe die körperliche Abhängigkeit. Die zeigt sich zum Beispiel am Zittern der Hände oder an allgemeinen Unruhezuständen, sobald der gewohnte Alkoholspiegel sinkt. Ein Suchthöhepunkt ist, wenn der Trinker halluziniert. Bereits bei den ersten Entzugserscheinungen ist eine medizinische Suchtbehandlung unbedingt erforderlich.

Wie sollten Betroffene am besten entgiften?

Sinnvoll ist eine medizinische Entgiftung, am besten im Krankenhaus. So können mit Hilfe von Medikamenten und psychosozialer Betreuung Entzugserscheinungen abgemildert werden, die bei einem Entzug in Eigenregie schnell zum Rückfall führen.

Wie können sich trockene Alkoholiker vor Rückfällen schützen?

Während der Suchttherapie finden die Patienten heraus, welche kritischen Situationen Suchtdruck auslösen. Das kann Stress am Arbeitsplatz sein, das sind aber auch gesellige Anlässe. Sie trainieren bei uns, wie man Trinkangebote ablehnt. Sie lernen direkt zu sagen: Ich will nicht trinken. Und sie bekommen ein Netzwerk für sofortige Hilfeleistungen an die Hand. Statistisch gesehen erleiden immerhin nur 40 Prozent der trockenen Alkoholiker sechs Monate nach der Suchttherapie einen Rückfall. Diese müssen die Entgiftung unbedingt wiederholen.

Wie oft lässt sich eine medizinische Entgiftung wiederholen?

Solange, bis es klappt. Den Betroffenen wird nach 10 bis 15 Jahren Trunksucht für immer der Alkoholismus ins Gehirn eingeprägt bleiben. Deshalb heißt es ja auch "trockener Alkoholiker". Aber man kann lernen, damit umzugehen. Dazu braucht es manchmal viel Geduld.

Können Rückfällige bei hohem Suchtdruck noch Geduld haben?

Rückfällige verniedlichen oft die negativen Folgen des Trinkens. Aber sie müssen lernen, dass sie eine chronische Krankheit haben. Ein Krankheitsbewusstsein zu entwickeln ist der erste Schritt.

Herr Professor Tretter, vielen Dank für das Gespräch.

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